Hazrat Pir-o-Murshid Inayat Khan


Hazrat Pir-o-Murshid Inayat Khan wurde am 5. Juli 1882 in der indischen Stadt Baroda geboren. Seine hochangesehene Familie war durchdrungen vom Geist mystischer Religiosität und von der Liebe zur klassischen indischen Musik. Das Haus seines Vaters und das seines Großvaters, Maula Baksh, waren Orte der Begegnung von Mystikern, Musikern und Gelehrten. Maula Baksh, der als der größte Musiker Indiens seiner Zeit galt, hatte einen großen Einfluß auf seinen Enkel und Schüler. Inayat Khan war von Kind auf in Kontakt mit der geistigen Tradition des Islam wie des Hinduismus, im Geiste freundlicher Toleranz über alle konfessionellen Grenzen hinweg.

Inayat Khan bildete sich in der klassischen indischen Musik aus; er wurde zu einem Meister des Gesanges und des Spiels auf der Vina und sang an vielen Orten Indiens. Der Maharadscha von Hyderabad war so tief von seinem inspirierenden Gesang und der mystischen Bedeutung der Liedtexte berührt, daß er den noch jungen Musiker hoch ehrte und beschenkte.

Auf der Suche nach einem spirituellen Lehrer begegnete Inayat Khan in Hyderabad dem Sufi-Meister Abu Hashim Madani, einem Nachkommen des Propheten Mohammed. Er gehörte dem Sufi-Orden der Chishti an, der bedeutendsten indischen Sufi-Tradition, die auf den ersten und wohl größten islamischen Heiligen Indiens zurückgeht, Moinuddin Chishti (1135 - 1229). Seine Dargah (Grabstätte) in Ajmer zieht bis in unsere Zeit die Menschen Indiens an, Muslime wie Hindus.

Die bis heute ununterbrochene Kette ('Shajara') der Meister dieser geistigen Schule, die bis auf Hazrat Ali, den Neffen und Nachfolger des Propheten Mohammed zurückverfolgt werden kann, umfaßt weitere bedeutende Sufi-Heilige Indiens, wie z.B. Hazrat Nizamuddin, in der Nähe von dessen Dargah Inayat Khan auf seinen Wunsch später begraben worden ist. Für den Chishti-Orden, dem nicht nur Muslime, sondern auch viele Hindus angehören, steht der Gedanke der Einheit allen Seins im Vordergrund, und die Musik wird als wichtiges Medium mystischer Erfahrung hochgeschätzt.

Inayat Khan war fünf Jahre Schüler von Sayyid Abu Hashim Madani, bis dieser - kurz vor seinem Tode - Inayat Khan zu seinem Nachfolger weihte und ihm den Auftrag gab, den Osten und den Westen mit der Harmonie seiner Musik zu vereinen. Am 13. September 1910 verließ Hazrat Inayat Khan Indien und reiste - zusammen mit seinen Brüdern Maheboob und Musheraff und seinem Vetter Ali, die seine geistigen Schüler geworden waren - durch viele Länder Europas und Amerikas.

Mit der klassischen indischen Musik öffnete er die Herzen vieler Menschen für die Sufi-Botschaft von der alles umfassenden Harmonie und der alle konfessionellen Grenzen überschreitenden Einheit. Er war der erste bedeutende Sufilehrer, der in den Westen kam und bald viele Schüler ('Murids') gewann. Er wurde der Begründer und das geistige Oberhaupt (Pir-o-Murshid) der Sufi-Bewegung und ihrer esoterischen Schule - des Sufi-Ordens - und er schuf den Universellen Gottesdienst. Pausenlos reiste er durch die westliche Welt und hielt unzählige Vorträge in vielen Städten Europas und Amerikas. Hazrat Inayat Khan ('Hazrat' ist ein Titel, der Verehrung ausdrückt) hat nur ein Buch selber schriftlich verfaßt: seine Sammlung von kurzen Aussprüchen, Gedichten und Gebeten, die in drei Teilen unter den Titeln 'Gayan', 'Vadan' und 'Nirtan' veröffentlicht worden sind. Alle anderen Texte sowie seine vierzehn Bände füllende 'Sufi-Message' sind Mitschriften seiner Vorträge, insbesondere jener Ansprachen, die er während der 'Sommerschulen' 1923 bis 1926 an seine in Suresnes bei Paris versammelten Murids gerichtet hat.

Im Herbst 1926 reiste Hazrat Inayat Khan zum ersten Mal wieder nach Indien, nachdem er am 13. September 1926 in Suresnes den Grundstein für den 'Universel', einen Tempel für alle Religionen gelegt und seinen Sohn Vilayat zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Am 5. Februar 1927 erlag er in Neu-Delhi, wo später seine Dargah errichtet wurde, einem Fieber. An drei Tagen im Jahr gedenken die Murids ganz besonders ihres 'Murshids' (Lehrers): an seinem Geburtstag (5. Juli, 'Viladat-Tag'), am 13. September, jenem Tag, an dem er sich zugleich im Jahre 1910 in Bombay eingeschifft hatte, um die Sufi-Botschaft in den Westen zu bringen ('Hedjerat-Tag'), und an seinem 'Urs' (Todestag), dem 5. Februar ('Visalat-Tag').

Hazrat Inayat Khans Sichtweise ist geprägt von seiner umfassenden Freundlichkeit und Toleranz, seiner Verehrung und Liebe zu allen Meistern, Heiligen und Propheten der Menschheit und seinem Verständnis und Respekt gegenüber der Vielfalt der religiösen Lebensäußerungen. Denn für ihn entspricht diese Vielfalt in sinnvoller Weise den unterschiedlichen menschlichen Temperamenten und kulturhistorischen Gegebenheiten. Sie macht zugleich auch die verschiedenen Schritte auf dem Wege sichtbar, den der menschliche Geist in seiner Entfaltung gegangen ist.

»Die Sufi-Botschaft bringt kein neues Gesetz, sie erweckt in der Menschheit den Geist der Brüderlichkeit, welche einhergeht mit der Toleranz eines jeden gegenüber der Religion der anderen und mit der allseitigen Bereitschaft, die Fehler der anderen zu vergeben. Sie lehrt Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme, damit ein Leben in Harmonie geschaffen und erhalten werden kann; sie lehrt auch, zu dienen und sich wahrhaftig nützlich zu machen. Dann wird unser Leben auf der Erde Früchte bringen und uns in unserer Seele zutiefst befriedigen.« Hazrat Inayat Khan


Hazrat Inayat Khan - 'Der Geist des Sufismus'

Hazrat Inayat Khan und Ibn 'Arabi -Ein Gespräch in Zitaten

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