Urs 2000
von Pir Vilayat Inayat Khan

Hier sind einige blitzlichtartige Eindrücke vom Urs meines Vaters Hazrat Inayat Khan im Februar dieses Jahres.

Der überwältigende Eindruck? Dass wir ein Wunder erlebten: dieses historische Ereignis entfaltete seinen Zauber: von der ganzen Welt kamen Munds des Sufiordens und der Sufibewegung zusammen, Shaykhs verschiedener Orden, die Euphorie der Murids aus verschiedenen Kontinenten, die sich zum ersten Mal bedeutsamerweise an Murshids Grab in Indien trafen!

Das ehrfürchtige Gefühl, als wir eine Atmosphäre erlebten, die an Zeiten erinnerte, als Pir-o-Murshid Inayat Khan unter uns auf diesem Planeten wandelte. Ist es der Überrest in der Dargah, der dieses Gefühl in besonderer Weise wachruft, das tatsächlich auch im orientalischen Zimmer in Fazal Manzil und in Katwijk und an vielen anderen berühmten Orten spürbar ist?

Man kann das erfahren, wenn man die Atmosphäre verschiedener Plätze fühlt; etwa die Atmosphäre von Benares, dann die Schwingungen in Ajmer, wo Khwaja Moin ud-Din Chishti lebte, meditierte und starb. Da ist das Grabmal des Heiligen, wo eine kontinuierliche Stimme weiterlebt, eine Schwingung, die so stark ist, dass jemand, der meditativ ist, sich dort niederlassen und für immer dort sitzen möchte. Es befindet sich inmitten der Stadt, und dennoch hat man das Gefühl, allein dort zu sein, weil der Heilige an diesem Ort saß und über "sawt-e sarmad" meditierte, die kosmische Symphonie.

Was ist es, das die Atmosphäre im Raum hält? Es ist Kapazität; Raum bietet Kapazität. Mit anderen Worten, im Raum wird Kapazität geformt durch ein Element, das für unsere Augen unsichtbar, aber dennoch fest genug ist, die Schwingungen darin zu halten. Wo ein Mystiker sitzt, sitzt er; wo er steht, steht er. Es gibt die Haltung der Mystiker, es gibt Bedeutsamkeit in der Mystik, es gibt den Blickwinkel der Mystiker, der verschieden ist von dem, was wir einen praktischen Blickwinkel nennen.

Eindrücke? So viele! Der Moment, als Pir Zia, den einige als Baby und dann als Jungen kannten, nun in so jungem Alter eine solche Reife erlangt hat und so weise und eloquent zu einem Publikum sprach, das ehrfürchtig ergriffen und im Kern des Wesens nicht nur von dem menschlichen Gefühl angerührt war, das er vermittelte, sondern auch von seiner Berufung auf die Heiligkeit des Gebets, der inneren Wahrheit des Glaubens und Vertrauens, die das Unmögliche möglich macht. In diesem außergewöhnlichen Moment waren alle mit ihm in Geist, Herz und Seele verbunden. Diese außerordentliche Bewegtheit erreichte ihren Höhepunkt, als Murshid Karimbakhsh Witteween ihn wie ein wieder entdecktes Kind mit offenen Armen empfing.

Ein weiterer unvergesslicher Moment: als ich und die Shaykhs Pir Zia so liebevoll und respektvoll einen Turban nach dem anderen banden. Es war spürbar, wie wertvoll es ist, dass er die aufrichtige Unterstützung derer hat, die die Sufitradition tragen und vertreten, die wir fortführen und die vielen von uns fremd geworden war, weil wir den Kontakt mit unseren geistigen Vorfahren vernachlässigt haben. Pir Zia hat diese Verbindung während der letzten Jahre wiederhergestellt, als er eine "Pilgerfahrt zu den Wurzeln" unternahm und darüber hinaus die getreuen Traditionalisten mit dem universalen Geist inspirierte, den Hazrat Inayat Khan in den Westen brachte und der nun in den Osten zurückkehrt.

Weitere denkwürdige Ereignisse: Als Pir Zia, während er beim Universellen Gottesdienst die Lichter entzündete, so gelassen und unbeeindruckt blieb, als der Kerzenanzünder die Zusammenarbeit verweigerte und noch dazu eine Kerze ausging. Zufälligerweise war das Thema für diesen historischen Anlass, an dem ich zusammen mit Murshid Karimbakhsh, Pir Zia und Walia den Gottesdienst hielt, genau der Schlüssel zur Sufibotschaft, der schon in den Aussprüchen unserer großen Sufi-Vorfahren enthalten ist und dann von Hazrat Inayat Khan auf neue Weise hervorgehoben wurde:

Der Übergang vom traditionellen Verständnis Gottes als "dem ganz Anderen" zu der befreiten Spiritualität der Mystiker, die Gott als Gegenwärtigen entdecken. Das Ziel der Botschaft ist die Erweckung des Bewusstseins der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen.

Ein weiterer Moment: Als Pir Zia die Versammlung in eine tiefe heilige Einstimmung brachte, als er eine Meditation über eine fortgeschrittene Form des Dhikr leitete. Mehr als die Übung selbst, mit der die meisten nicht vertraut waren, war es die Heiligkeit der Einstimmung, die die Seelen der Murids berührte.

So viele weitere unvergeßliche Eindrücke: Als die Prozession zur Dargah kam und Pir Zia zur Begrüßung von Taj und mir umarmt wurde. - Pir Zia, der selten persönliche Gefühle offen ausdrückt (wenn man sie nicht gerade dadurch entdeckt, dass sie verborgen sind), wurde zweimal (meines Wissens nach während er den Tschaddar trug - das ist das bestickte Tuch, das über das Grab gelegt wird -, und während eines Qawwali) von einem Hal überwältigt, jenem besonderen Zustand von Ekstase, der einen Derwisch erfasst, wenn seine oder ihre Seele von einer göttlichen Erkenntnis bewegt wird beim Gewahrwerden eines Offenbarungswortes.

Von entscheidender Bedeutung, ein weiteres Wunder: die Versöhnung zwischen Sufibewegung und Sufiorden, just während der Feierlichkeiten beim Urs des Jahres 2000. Es war einfach nur eine Sache des gegenseitigen Zuhörens und Wahrnehmens der Motivationen, des Erkennens des Bedürfnisses nach gegenseitiger statt einseitiger Anerkennung. Es war bedeutungsvoll, dass wir eine Beschwerde sofort vor Ort behandelten, anstatt die Sache hinzuschleppen und immer schlimmer werden zu lassen und gegenseitige Beschuldigungen endlos weiterzutragen. Der Durchbruch kam, als die Shaykhs die Shajara aufsetzten, das ist die Liste der Nachfolge in der Silsila, der Kette der Weitergabe des Zweiges des Chishti-Ordens, mit dem Hazrat Inayat Khan verbunden war. Murshid Karimbakhsh warf ein, dass Murshid Ali Khan und seine Nachfolger in der Aufzählung nicht vorkamen. Mir fiel ein, dass nach dem Rechtsverständnis der Sufis die Silsila sich im Laufe der Erfahrung als Zweige eines Baumes erwiesen hat - man könnte es durch einen auf den Kopf gestellten Baum illustrieren -, obwohl die Pioniere sich gewünscht hatten, dass es eine einzige Linie sei. Die Leiter der Sufibewegung wären demnach ein Zweig, die des Sufiordens ein anderer. Durch diese Betrachtungsweise ist die Wurzel unserer Uneinigkeit entfernt; was bleibt, ist eine Unterschiedlichkeit im Stil und Verfahren, die mit Behutsamkeit und Respekt abgeglichen werden kann.

Es gibt eine unendliche Überfülle von bedeutsamen Eindrücken; einige von Indiens klassischen Spitzenmusikern kamen und ließen uns an ihrer Ekstase teilhaben, die an das musikalische Erbe unseres geliebten Murshid erinnerte (im Gegensatz zu den lebhafteren, populären Qawwalis). Einige der Vorträge der verehrten Gäste waren von Bedeutung; die Vorträge der Leiter der Sufibewegung und des Sufiordens bezeugten unsere Hingabe an die bahnbrechenden Perspektiven der Botschaft. Als besonders bedeutsam erinnere ich den Augenblick, als ich neben meiner Gattin Mary saß und das ganze Publikum voller Bewunderung der brillanten Rede Dr. Karan Singhs, des Maharadschas von Kaschmir, lauschte, der die Parallelen zwischen Hinduismus und Sufismus aufzeigte, und die ihren Gipfel erreichte, als er mit der ihm eigenen Begeisterung ein wunderbares Gedicht von Aurobindo rezitierte.

Die ganze Zeit hindurch brach die Armut an diesem Ort unsere Herzen und traf uns in der Tiefe unseres Gewissens. Überall war sie schmerzlich wahrnehmbar, ganz im Kontrast dazu der westliche Komfort in der Dargah. Man hatte es nicht gern, sich für den opulenten Lebensstil zu schämen und zugleich die schönen Handwerksarbeiten unterbezahlter Künstler und Kunsthandwerker zu kaufen, zu zögern, ob man auch das passende Kleingeld für die Bettler dabei hat. Wir haben unsere Anerkennung ausgedrückt für die Hingabe derer an Hazrat Inayat Khan, die dafür gespendet haben, dieses monumentale Mausoleum in großem Stil zu errichten. Man wird daran erinnert, dass es in hohem Maße Shah Jahan zu verdanken ist, der die schöne Dargah in Ajmer errichten ließ, dass Khwaja Moin ud-Din in der Bevölkerung so berühmt wurde.

Aber was tun wir, um dem entsetzlichen Elend Abhilfe zu schaffen? Irgendwo müssen wir anfangen, und das ist der Ort dafür: die Dargah eines Sufiheiligen stellt traditionell immer Versorgung und Hilfe für die Armen bereit. Sehen Sie die kleinen Kinder in den Slums neben der Khanqa, das Hope Project: die Kranken, die nicht in der Lage sind, ihre Situation zu bewältigen oder sich um medizinische Hilfe zu kümmern, die Sozialarbeit. Ich weiß, es ist so wenig im Vergleich zu der Not, aber das war die Rettung. Zumindest tun wir etwas Grundlegendes, etwas, das lebenswichtig ist. Und jetzt wird das Projekt erweitert, es gibt mehr Geld, mehr Helfer, eine bessere Organisation und mehr Interesse und neue Energie.

Ein kleiner Nachtrag: Ohne Zweifel konnte mein schlechtes Gehen nicht nur nicht unbemerkt bleiben, sondern der Übergang ins neue Millennium hat vielmehr, was meine Körperfunktionen betrifft, sehr deutliche Spuren hinterlassen: Arthrose in einem Knie, unverkennbar eine zunehmende Abnutzung (nur des Körpers!) im Laufe der Jahrzehnte. Es war ein wohl gezielter Fanâ für meine Eitelkeit, der mich dazu auffordert, dem Baqâ meines unverzagten Geistes gerecht zu werden. Der springende Punkt bei der spirituellen Praxis ist die Veredelung dessen, was man gemeinhin das Ego nennt und was Pir-o-Murshid als falsche Vorstellung des Ichs bezeichnet, die ersetzt werden muss durch das wahre Ich, das im Gottesbewusstsein zu entdecken ist.


Indien 2000 - Bilder vom Urs und Pir Zia's Investitur
(Zur Anzeige der Slide-Show muß Ihr Browser Java verstehen!)

Home