ZIRAAT

Der Begriff »Planetarisches Bewußtsein«, von Hazrat Inayat Khan bereits in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts benutzt (vielleicht sogar von ihm geprägt), kennzeichnet die Geisteshaltung von Ziraat. Als einer der fünf Zweige des Sufi-Ordens ist es die Aufgabe von Ziraat, die spirituelle Erkenntnis Einzelner und die Einstellung und Harmonie mit Mutter Erde oder »Zamyat«, wie sie in der Sufi-Sprache genannt wird, zu fördern. Ziraat ist also die verbindende Brücke zwischen der spirituellen Erkenntnis und dem konkreten Handeln auf diesem und für diesen Planeten.

Heutzutage bezieht sich die Arbeit von Ziraat vor allem auf Fragen der spirituellen Ökologie und die Herausforderung planetarischen Heilens. Damit kommt Ziraat dem Bedürfnis vieler Menschen entgegen, die sich auf Harmonie mit Mutter Erde und allen auf ihr und mit ihr lebenden Wesen einstimmen.

»Im Gegensatz zu der Sicht, die Erde sei ein mechanisches Instrument, das nach unseren Launen und zu unserem persönlichen Gewinn beliebig manipuliert werden könne, zeigt die Erde alle Anzeichen eines fühlenden, bewußten Wesens, welches seinen eigenen Willen, seine Emotionen und Vorlieben hat.«

»Pir-o-Murshid war ein Pionier, und zu einem bestimmten Zeitpunkt - im letzten Jahr oder in den letzten zwei Jahren seines Lebens - sah er voraus, daß eine Zeit kommen könnte, in der wir sehr froh wären, reines Wasser und reine Erde und reine Luft zu finden. So gründete er den Zira'at, und er basiert auf einem Vertrag. Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür; es ist eine Geschichte.

In Indien gab es einen Anwalt, der war Politiker und wurde als der "Tiger von Indien" bezeichnet, weil er so heftig gegen die Engländer war. Als er eines Tages nach einer Konferenz nach Hause ging, traf er einen Leprakranken, der ihn fragte, ob er ihn zum Wasser tragen könne. Er dachte: Das kann ich nicht machen, ich möchte nicht mit Lepra angesteckt werden. Auf seinem Weg nach Hause zu seiner Frau fühlte er sich sehr schlecht. 'Ich, der als so mutig gilt - ich habe Angst, meinem Mitmenschen zu helfen!' So kehrte er um und trug den Leprakranken zum Wasser. Als er zu seiner Frau nach Hause kam, sagte er: Ich gebe meinen Job auf, ich gründe eine Leprakolonie. Die indische Regierung - wie sie so ist - gab ihm das schlechteste Stück Land, das zu finden war; es war mit Ratten verseucht. Die Ratten kamen und nagten an den Zehen der Leprakranken. Und der Grund dafür, daß es so viele Ratten gab, war, daß die früheren Besitzer alle Kobras getötet hatten. Also machte Doktor Ampti - das war sein Name - eine besondere Zeremonie mit dem König und der Königin der Kobras. Ich weiß nicht, wie sie einander dieses Versprechen machten, aber der Vertrag war, daß die Kobras die Menschen nicht angreifen würden, solange die Menschen die Kobras nicht angriffen. Einige Monate später spielte die kleine dreijährige Tochter mit den Kobras, und die Leute die kamen, sagten: 'Weißt du eigentlich, wie gefährlich das ist?' - 'Nein, das ist in Ordnung.'

Also, das ist Zira'at, das ist das Geheimnis des Zira'at. Es bedeutet, einen Vertrag mit der Erde zu schließen, mit dem Wasser usw. Und ich muß sagen, das ist eine Fortsetzung des zoroastrischen Erbes, und natürlich ist es zu diesem Zeitpunkt die einzige Rettung für den Planeten Erde.« - Pir Vilayat Inayat Khan



»Murshid modellierte den Zira'at nach der Aktivität, welche die eigentliche Basis der menschlichen Zivilisation ist: Agrikultur. In der Landwirtschaft werden physische Gesetze und Naturkräfte mit dem menschlichen Gemüt und seinem Sinn für Ordnung in Harmonie gebracht; Ökologie und Psychologie werden wieder versöhnt. Weder das Wirken der Natur noch das Handeln der Menschheit für sich allein können die Ernten hervorbringen, welche das "Brot des Lebens" ergeben.

Mit der Sensibilität eines Musikers für Rhythmus und Harmonie erblickte Murshid in den Tätigkeiten der Landwirtschaft - mit all ihren sorgsam in der Zeit abgestimmten Phasen - wesentliche Parallelen zum Rhythmus der spirituellen Arbeit. Das Pflügen, Eggen, Säen, Ernten, Dreschen, Kornspeichern und die Verwaltung einer Farm haben alle ihre inneren Bedeutungen. Zira'at (arabisch für Agrikultur) ist ein erlebnismäßiges Fortschreiten durch diese Stadien, die darin gipfeln, geistige Frucht zu tragen. Zentral für die Arbeit des Zira'at ist ein Logen-Ritual. Im Freien durchgeführt dient es der Einstimmung auf Gottes Immanenz. Dem entsprechend werden die fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther), die zusammen Gottes physisches Sein ausmachen, im Wechsel verehrt. In Gleichklang mit den Elementen zu kommen, ist ein Schlüssel für den Zira'at und wird von den Initiierten täglich praktiziert. Die Zeremonie schließt auch andere rituelle Besonderheiten ein, die zu einem heiligen Raum beitragen, der eine Heiligkeit beschwört, die nicht von einer anderen Welt, sondern hier und jetzt ist.« - Pir Zia Inayat Khan


Kontakt :

Internationaler Sufi-Orden Deutschland e.V.

Home