Zia und der Bremer Suppen-Express

Wie eine Bremerin sich um Wohnungslose kümmert
Auf einem Fahrradanhänger rollen Tag für Tag
Suppe und heißer Tee durch die Innenstadt
Von BRITTA KOPP
(aus : "Die Welt" vom 9. 2. 98)

Eine wetterfeste Jacke schützt gegen den eisigen Wind, Regenschuhe halten die Füße trocken, und ein Stirnband wärmt die Ohren: In ihrer Berufskleidung ähnelt Zia Gabriele Hüttinger einem Polarforscher. Dabei liegt ihr Arbeitsplatz direkt in der Bremer Innenstadt: Die 39jährige verteilt jeden Mittag Suppe an Obdachlose. Die Aufgabe hat sie sich freiwillig gesucht - ohne eine Mark dafür zu bekommen. In diesem Monat feiert ihre Fahrradsuppenküche den ersten Geburtstag.

"Die Idee kam mir letztes Jahr im Januar beim Tagesschau-Gucken", sagt die Bremerin: 1997 beginnt mit einem "Jahrhundertwinter", bei 22 Grad minus erfrieren zahlreiche Obdachlose in Hauseingängen. "Ich habe immer nur gedacht: Diesen armen Menschen ohne Wohnung muß doch geholfen werden", erinnert sich Zia Gabriele Hüttinger.

Spontan fährt sie am nächsten Tag mit dem Fahrrad los und verteilt eine warme Mahlzeit an Wohnungslose in der Innenstadt. Am Anfang erntet sie mit ihrer Aktion bei den Betroffenen nicht nur Dankbarkeit, sondern auch Skepsis: "Als ich gesagt habe, daß ich jetzt jeden Tag komme, konnten die sich das gar nicht vorstellen", weiß die Helferin.

Inzwischen hat Zia Gabriele Hüttinger längst bewiesen, daß sie Wort hält: Bis zu zwanzig wohnungslose Männer und Frauen versorgt sie täglich. Heißer Tee, der in Decken gehüllte Suppentopf und eine Tüte mit Joghurt oder Obst werden per Fahrradanhänger zu den Bedürftigen gekarrt. "Das Wichtigste für die Obdachlosen ist aber nicht das Essen", ist die Bremerin überzeugt: "Viel wichtiger ist das Gefühl, daß sich jemand um sie kümmert." Nach einem Jahr kennt sie nicht nur die kleinen Eigenheiten der einzelnen, sie weiß auch von vielen, aus welchen Gründen sie auf der Straße gelandet sind.

Die 39jährige verbringt fast jeden Vormittag mit Kochen, anschließend radelt sie zwei Stunden durch die Stadt, verteilt Essen und sammelt das Geschirr wieder ein. Genügend Zeit für ihre private Initiative hat sie nur, weil sie sich selbst in einer sozialen Notlage befindet: Die gelernte Erzieherin ist arbeitslos. "Darum könnte ich das allein mit meinem Geld auch gar nicht finanzieren", erklärt sie.

Möglich ist die Initiative durch die Unterstützung der "Bremer Tafel". Einmal wöchentlich bekommt Zia Gabriele Hüttinger Lebensmittel von dem Verein, der von Geschäftsleuten mit Überschußware beliefert wird. "Manchmal sprechen mich auch Leute auf der Straße an und spenden spontan", sagt sie. Einem Rechtsanwalt habe die Aktion sogar so gut gefallen, daß er sofort 500 Mark zur Verfügung stellte.

Trotz der zeitraubenden Arbeit und der knappen Mittel: Ein Leben ohne ihren rollenden Suppenservice kann sich Zia Gabriele Hüttinger schon gar nicht mehr vorstellen: "Ich weiß, daß ich allein etwas bewege, und das ist ein gutes Gefühl." Missionarische Ziele verfolgt sie nicht: "Ich verteile Suppe. Den Rest sollen andere machen."


Obwohl die Initiative 3 Jahre nach diesem Zeitungsbericht immer noch von Zia allein getragen wird, hat sich ihre Betreung der Obdachlosen in viele Richtungen des täglichen (Über-) Lebens ausgeweitet. Aber immer noch ist sie eine der leider so wenigen Freunde aus der "normalen Welt" derjenigen, die nicht auf der Straße schlafen müssen. Manche ihrer Schützlinge lassen sich von den widrigen Umständen nicht hindern, kreativ zu sein. Einer vertraute ihr seine Gedichte an, von denen wir eines abdrucken:

Worte deren Anfang
Kein Ende sichtbar war.
Ein neues Jahr (97)
Januar bittere Tage
kalt, grau
Eisige Nächte
viel in Armut, leise erfroren
und noch mehr.
Doch der erste Tag von Sonnenschein
in diesem Jahr durchflutet erwärmte Gemüter,
scheinbar oder unscheinbar
einige sind nicht mehr da
hin über hinfort.
Gute Tage läßt schlechte
Nächte schnell vergessen.
Es verblaßt mit der Zeit.
Doch ist es erst deren Anfang
von dem, diesem Ende.

(Name unleserlich)
17. 01. 97

Die Bremer Suppenengel
Initiative für Obdachlose und Bedürftige e.V.
Sparkasse Bremen, BLZ 290 501 01, Kontonr. 1056118
Tel: 0163 - 45 80 80 7
www.suppenengel.de

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