Einstimmung auf Jesus Christus


 

Für die Christliche Religion brauche ich Ihnen Jesus nicht zu beschreiben. Er sitzt nicht auf dem Gipfel eines Berges in Meditation - allerdings hat er oft oben auf dem Ölberg meditiert, in einer Höhle - in der selben Höhle habe ich auch schon meditiert! Er tritt in die Herzen seiner Anhänger ein - er wäscht ihnen die Füße. Eine große Lektion über Humanität! Diese Größe - er ist wie ein Wesen von einem anderen Planeten. Stellen Sie sich vor, er würde heute an Ihre Tür klopfen - was würde er zu Ihnen sagen? Er würde sagen: Ich bitte Sie, überwinden Sie Ihren Ärger gegen Menschen, die Ihnen etwas Schlechtes angetan haben! Das ist die Botschaft von Christus, denken Sie an Ihn, wie er zu Ihnen kommt mit all dieser Liebe!

Ich denke, daß Christus in unseren Herzen sehr gegenwärtig ist. Er verkörpert eine solche Macht der Liebe, die Überwindung von Haß und Groll. Es bedeutet nicht, die Menschen zu bedauern - es bedeutet, mit den Menschen zu leiden, das ist die Bedeutung von Mitleid. Das Leiden der Menschen ist Ihr Leiden. Also nicht die olympische Überwindung des Meisters, sondern eine vielleicht noch größere Macht, die Macht der Liebe. Es ist bedingungslose Liebe - das heißt, Menschen zu lieben, die schwer zu lieben sind, die es einem schwer machen, sie zu lieben. Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan sagte: "Wir werden in unserer Liebe geprüft."

Und dann die außergewöhnliche Verbindung dessen, was Pir-o-Murshid die Aristokratie der Seele und die Demokratie des Ego nennt. Die Demut, die Füße der Jünger zu waschen - und gleichzeitig zu behaupten, der Sohn Gottes zu sein, und sogar allen zu sagen: Seid vollkommen wie euer Vater. Diese Verbindung von größtem Stolz mit höchster Demut: Stolz auf die göttliche Erbschaft, Demut in bezug auf die persönliche Identität. Sein Herz allen Wesen zu öffnen - ohne Unterscheidung und ohne irgendeine persönliche Absicht, ohne Hintergedanken. Und deshalb ist, wie der heilige Paulus sagt, Christus gegenwärtig in Ihrem Herzen. Wir denken an den historischen Jesus, der die Menschen durch die Macht der Liebe, durch den Heiligen Geist heilte, und dann an den kosmischen Christus, der in unseren Herzen immer gegenwärtig ist. Das ist die höchste Therapie. Wenn Sie also das Gefühl haben, daß Sie von jemandem gedemütigt oder mißbraucht worden sind, denken Sie einfach an Christus, der gesagt hat: Liebe deine Feinde. Dann können Sie Ihr Herz für den Menschen öffnen, der Sie verletzt hat, und vielleicht sind Sie fähig, diesen Menschen durch Ihre Liebe zu transformieren.

Lassen Sie uns nun versuchen, in das Bewußtsein von Christus einzutreten. Vielleicht haben Sie das Bild vom Turiner Grabtuch gesehen, denn das gibt einen Hinweis. Wenn Sie hinter die Erscheinung gelangen können, sehen Sie plötzlich dieses machtvolle Wesen hindurchkommen, die Augen geöffnet, ganz als gehöre er zu einer anderen Dimension oder einer ganz anderen Welt. Er tritt unmittelbar in Ihr Leben ein. Er sitzt nicht irgendwo auf einem Bergesgipfel; er ist voll anwesend mit all seiner Macht und zugleich mit einem Anhauch von Einfachheit, Menschlichkeit. Es ist wirklich ein vollkommenes Beispiel für die Menschwerdung Gottes. Demut. Demokratie ergibt sich aus der Einsicht, daß all dies Gott ist. Christus kommt mit dem Gesetz in Konflikt. Er besitzt Toleranz für die Sünder, die von anderen verachtet werden. Seine Liebe ist so groß, daß er das Herz Gottes wurde; nicht nur das Wesen Gottes, sondern mehr noch das Herz. Zum erstenmal sehen Sie den Propheten wirklich ins Leiden gehen, anstatt Abstand zu wahren oder sehr souverän zu sein. Er nimmt teil am Leiden der Menschen. Er verachtet nicht diejenigen, die ihr persönliches Selbst nicht überwinden können. Tatsächlich ist er Ihr eigenes Sein, mit all Ihrer Brüchigkeit und Ihrem Kampf, während er zugleich die göttliche Vollkommenheit ist. Die Kirchenväter konnten es nur so ausdrücken, daß es göttliche und menschliche Natur zugleich war, die Kombination beider; das ist Dogma, aber es war die einzige Möglichkeit, es zu sagen. Es repräsentiert ein Stadium im Abstieg Gottes in die Manifestation, das Bewußtsein Gottes in Manifestation.
Christus berührt unser Herz, wie Krishna es tut, aber natürlich mehr. Deshalb wird er auch als Baby dargestellt, weil er so liebenswert ist wie ein Baby, genau wie Krishna. Buddha porträtiert man nicht als Baby. Christus ist wirklich Gott als menschgeworden, und es ist die göttliche Vollkommenheit, die sehr verletzlich, aber dennoch vollkommen ist. Anstatt nur Triumph und Meisterschaft zu zeigen, hatte er bei all seiner Überwindung das Leiden und die Verletzlichkeit akzeptiert. Es ist das Wesen Gottes. Wir projizieren auf Gott unsere Ideen von Vollkommenheit, aber dies sind nur unsere Vorstellungen, nicht die Weise, wie göttliche Vollkommenheit ist. Hier im Wesen von Christus haben Sie einen größeren Zugang zur wirklichen Bedeutung göttlicher Vollkommenheit, weil es sogar in seiner Vollkommenheit Begrenzung einschließt.

(Text-Zusammenstellung aus Meditationen mit Pir Vilayat Inayat Khan)

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