Hazrat Inayat Khan - Der Geist des Sufismus

Man kann den Sufismus nicht als Religion bezeichnen, weil er frei ist von Prinzipien, Unterscheidungen und Differenzen, der Basis, auf der Religionen gegründet werden; ebensowenig kann er eine Philosophie genannt werden, weil Philosophie das Studium der Natur in ihren Qualitäten und Variationen lehrt, der Sufismus aber Einheit. Folglich nennt man ihn am besten einfach das Training der Sichtweise.

Das Wort 'Sufi' deutet Reinheit an, und Reinheit enthält zwei Qualitäten. Rein bedeutet 'unvermischt mit irgendeinem anderen Element', oder mit anderen Worten das, was in seinem eigenen Element besteht, unvermischt und uneingefärbt. Die zweite Qualität von Reinheit ist große Anpassungsfähigkeit.

Derart ist auch die Natur des Sufi. An erster Stelle reinigt sich er selbst, indem er die Vision Gottes ständig vor sich hält und den Befleckungen mit irdischen Differenzen und Unterscheidungen ebensowenig erlaubt, sich in seinem Herzen widerzuspiegeln, wie guter oder schlechter Gesellschaft oder dem Verkehr mit Hoch- oder Niedriggestellten. Auch können eine Überzeugung oder ein Glaube seine Reinheit niemals beeinträchtigen.

Der Sufi zeigt seine universelle Brüderlichkeit in seiner Anpassungsfähigkeit. Unter Christen ist er ein Christ, unter Juden ist er ein Jude, unter Moslems ein Moslem, unter Hindus ein Hindu; denn er ist eins mit allen, und dadurch sind alle mit ihm. Er erlaubt jedem, sich seiner Bruderschaft anschließen, und in der gleichen Weise gestattet er sich selbst, sich irgendeiner anderen anzuschließen. Er fragt niemals: "Was ist Ihr Kredo oder Ihre Nation oder Religion?" Ebensowenig fragt er: "Was sind Ihre Lehren oder Prinzipien?"

Nenn ihn Bruder, so antwortet er Bruder, und er meint es auch so. Was Prinzipien angeht, so hat der Sufi keine, denn das Süße kann für den einen vorteilhaft und für den anderen schädlich sein. So ist es mit allen Prinzipien, gut und schlecht, freundlich oder grausam. Wenn wir einen Soldaten auffordern, während der Schlacht gnädig zu sein, wird er sofort besiegt werden. Dies zeigt, daß jeder sein eigenes Prinzip für jede Tätigkeit oder Situation hat. Der eine kann an ein bestimmtes Prinzip glauben, während ein anderer eine ganz gegensätzliche Meinung vertreten mag. Was eine Person gut nennen kann, nennt eine andere vielleicht schlecht. Der eine sagt, daß ein bestimmter Weg der rechte sei, während ein anderer die entgegengesetzte Richtung nimmt.

Anstatt seine Mitte in den eigenen Vorlieben und Abneigungen zu finden und sich zu begrenzen auf eine bestimmte Überzeugung oder einen Glauben,- anstatt das Richtige und Falsche auszuklügeln, fokussiert der Sufi seine Sicht auf die eines anderen und sieht folglich den Grund, warum dieser glaubt und warum nicht, warum etwas richtig ist für den einen und falsch für den anderen. Er versteht auch, warum das, was von einigen Leuten gut genannt wird, von anderen schlecht genannt werden kann, und indem er Herr seiner Sichtweise ist, gelangt er so zur wahren Höhe der Weisheit.

Der Sufi ist ein wahrer Christ in Bezug auf Nächstenliebe, Bruderschaft und das Heilen seiner eigenen Seele wie der eines anderen. Er ist nicht fanatisch in seiner Anhänglichkeit einer bestimmten Kirche gegenüber oder im Ausschließen der anderen Meister und ihrer Nachfolger, die vor und nach Christus kamen, aber sein Einssein mit dem Christus und seine Anerkennung und Praxis seiner Wahrheit sind so eifrig wie die eines wahren Christen.

Im Leben der Derwische erblickt man das wirkliche Bild des Lebens und der Lehren von Christus, besonders in ihrem Teilen von Obdach und Nahrung mit anderen,- sei es Freund oder Feind. Bis auf den heutigen Tag führen sie ihre reine Lebensweise fort. Der Sufi ist ein Katholik darin, daß er das Bild vom Ideal der Hingabe in seiner Seele hervorbringt, und er ist ein Protestant darin, daß er die Zeremonien des Kults aufgibt.

Der Sufi ist ein Brahmane, denn das Wort Brahmane bedeutet 'der Kenner von Brahma', von Gott, dem einzig Seienden. Seine Religion liegt im Glauben an keine andere Existenz als die von Gott, was der Brahmane 'Advaita' nennt. Der Sufi hat ebensoviele Grade der geistigen Entwicklung zu durchschreiten wie der Yogi. Man findet sehr wenig Unterschied selbst in ihren Übungen, der Unterschied liegt hauptsächlich in den Bezeichnungen. Zweifellos bevorzugt der Sufi ein normales Leben gegenüber dem eines Asketen, doch begrenzt er sich weder auf das eine noch auf das andere.

Der Sufi betrachtet die Lehren der Avatare als wahrhaftige Manifestationen der göttlichen Weisheit, und er hat einen vollkommenen Einblick in das subtile Wissen des Vedanta. Der Sufi schätzt die Auffassung der Jains von Harmlosigkeit und bedenkt, daß Freundlichkeit der wahre Weg der Reinheit und der Vervollkommnung ist. In der Vergangenheit haben Sufis ein Leben der Entsagung geführt, und im Osten führen die meisten von ihnen immer noch ein sehr harmloses Leben, geradeso wie die Jains.

Der Sufi ist ein Buddhist, denn er gebraucht seine Vernunft bei jedem Schritt, der auf seiner geistigen Reise vorwärts führt. Die Lehren des Sufi sind den buddhistischen Lehren sehr ähnlich; tatsächlich ist es der Sufi, der die Gläubigen und die Ungläubigen im Gottesideal und im Wissen der Einheit vereinigt.

Der Sufi ist ein Moslem, nicht weil viele Moslems auch Sufis sind, noch wegen seines Gebrauches von moslemischer Ausdrucksweise, sondern weil er durch sein Leben bezeugt, was ein wahrer Moslem sein sollte. Moslems haben einen derartigen Sinn für Hingabe an Gott, daß jemand, egal was für ein sündiger oder grausamer Mensch er auch sein mag, durch den Namen von Allah oder Mohammed sofort zu Tränen gerührt wird. Ähnlich entwickeln die Übungen des Sufismus zuerst die Herzqualitäten, die häufig von vielen anderen Mystikern übersehen werden. Es ist die Reinigung des Herzens, welche es empfänglich macht für die Erleuchtung der Seele. Die Sufis sind diejenigen, die den Qur'an aus jeder Lebenserfahrung lesen, und sie sehen und erkennen das Gesicht Mohammeds in jedem Atom der Manifestation.

Der Sufi, wie ein Zoroastrier oder ein Parse, betrachtet die Sonne und verneigt sich vor der Luft, dem Feuer, dem Wasser und der Erde, da er die Immanenz Gottes in seiner Manifestation erkennt und die Sonne und den Mond als die Zeichen Gottes nimmt. Der Sufi deutet Feuer als das Symbol der Weisheit und die Sonne als das himmlische Licht. Er beugt sich nicht nur vor ihnen, sondern nimmt auch ihre Beschaffenheit in sich auf. In aller Regel brennt in Anwesenheit von Derwischen fortwährend ein Holz-Feuer und Räucherwerk.

Der Sufi ist ein Israelit, besonders in seinem Studium und der Beherrschung der verschiedenen Namen Gottes. Die wunderwirkenden Kräfte von Moses können auch im Leben der Sufis - vergangener wie gegenwärtiger - gefunden werden. Tatsächlich ist der Sufi der Meister des hebräischen Mystizismus; die göttliche Stimme, die von Moses auf dem Berge Sinai in der Vergangenheit gehört wurde, ist für manch einen Sufi auch heute hörbar.


Übersetzung von Kaivan. Text aus : 'The Unity of Religious Ideals' in 'Message Volumes' Band IX.

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