Einstimmung auf die Avatare des Hinduismus



Um wirklich in Kommunion oder in Resonanz zu kommen mit der Hindu-Art, können Sie sich vorstellen: eine Pilgerfahrt im Himalaya. Man hat einen Kulturschock, man läßt seine ganze Welt zurück. Man ist erst abhängig von seinem Rucksack, und dann ist alles so schwer, also man läßt ein Ding nach dem anderen zurück, und man fühlt sich mehr und mehr frei. Da kommt man in Kontakt mit den Tempeln, den Einsiedlern, den Sannyasins in der Gegend der Tempel; die singen und spielen Trommel und beten und machen Mantrams. Und die Menschen verbeugen sich vor den Göttern, und die Atmosphäre ist so rätselhaft ... märchenhaft. Man ist irgendwie in der Tiefe hineingenommen in diese phantastische Feier - eigentlich ist es eine Feier des Gefühls, daß jenseits von alldem etwas ganz Phantastisches liegt ... oben - man stellt sich vor, daß es oben liegt - und man wird dadurch transformiert. Und da gibt es natürlich unter den Sannyasins viele, die versuchen, erleuchtet zu werden, und dann gibt es einige, die tatsächlich erleuchtet sind. Das sind diejenigen, die sehr hoch in den Bergen in den Grotten sind. Natürlich, da gibt es Meister und Schüler. Und sie lernen die allerschwersten Umstände zu beherrschen: Kälte, Hitze, kein Schlaf, nichts zu essen, manchmal körperlicher Schmerz, und die Folge ist, daß sie eine phantastische Kraft über den Körper entwickeln. Sie können den Verdauungsprozeß beherrschen und die Nerven beherrschen und die Gedanken beherrschen und die Emotionen beherrschen und so weiter - das führt zu einer gewissen ... wie man in Indien sagt: Vairagya, das heißt ... also, Indifferenz ist nicht das richtige Wort, sondern Unabhängigkeit überhaupt von allem: selbständig sein. Und unter diesen sind Menschen, die sind in einem Zustand der Ekstase. Ständig!
Das Modell davon ... also, es gibt verschiedene Götter, aber unter diesen ist Shiva. Und Shiva wird so beschrieben: Er sitzt auf dem Gipfel eines Berges - Kailash, das ist zwischen Nepal und Tibet. Er hat eine Cobra um seinen Hals und sitzt auf dem Fell eines Tigers. Und er ist ein Meister, er hat alles beherrscht, überwunden; es ist ein olympischer Übermensch. Vielleicht können Sie sich irgendwie vorstellen, was das für Menschen sind, die diesem Modell gefolgt sind. Ich habe mehrere besucht und auch in ihrer Gegenwart gesessen. Und dadurch, daß man sie sieht, entdeckt man etwas von sich selbst. Einer dieser Rishis hat mir gesagt: "Warum kommst du so weit, um das zu sehen, was du sein solltest?"

Konzentrieren wir uns zunächst auf Shiva, wie er in den Geschichtsbüchern Indiens dargestellt wird, und dann werden wir über dieses spezielle Bild hinausgehen und in die Essenz des Wesens eintreten, das er repräsentiert. Er wird dargestellt, wie er in einem Zustand von Samadhi auf dem Gipfel des Kailash sitzt. Er beherrscht die Körperfunktionen, er hat seine Gedanken überwunden, er ist fähig, seine Emotionen und sein Identitätsgefühl zu meistern. Und so verkörpert er eine Art olympischen Sieg eines übermenschlichen Willens, der Meisterschaft ausübt. Die Qualität ist also Meisterschaft.
Nun, das ist das Bild, aber jetzt versuchen wir, über das Bild hinaus zu gelangen. Was repräsentiert dieses Wesen für uns, für das ganze Universum? Es ist die außerordentliche Fähigkeit, die wir alle besitzen, die herausforderndsten Bedingungen zu meistern, und als Folge davon sind wir in der Lage, den göttlichen Willen zu bekräftigen anstatt unserer Phantasien. Da ist also eine Emotion, die Emotion von Meisterschaft - Situationen unter Kontrolle zu haben, die sich sonst Ihrer Kontrolle entziehen würden. Lassen Sie uns versuchen, das Wesen Shivas in uns zu erfahren, jenseits von Zeit und Raum. Das bedeutet, Notlagen mit Mut und Beherrschung zu begegnen, anstatt darüber zu lamentieren, daß die Umstände schwierig sind.


Rama dagegen verkörpert den Ritter. Von seinem Vater verbannt, begann er als Asket, aber sein wichtigstes Handeln fand mitten im Leben statt. Das Leben Ramas suggeriert, daß abgesehen vom spirituellen Streben der Kampf in der Welt das Wichtigste ist, dem man ins Auge zu blicken hat. Und wenn jemand durch jede Prüfung des Lebens hindurch dem eigenen Ideal treu geblieben ist, dann wird er zweifellos siegreich sein. Es macht nichts, wie klein oder gering der Kampf ist; der Sieg, der am Ende eines jeden Kampfes gewonnen wird, ist die Kraft, die den Menschen weiterführt auf dem Weg zum Ziel seines Lebens.

Krishna ist natürlich eine Vorwegnahme von Christus. Er ist Gott, der Kind und daher menschlich geworden ist. Das ist die ganze Kraft des Hinduismus: anstatt sich Gott da oben vorzustellen, bringt man ihn herunter und erblickt ihn als mitten unter uns lebend. Er ist liebenswürdig und ruft deshalb ein Gefühl von Liebe und Zuneigung hervor. Das geschieht, wenn Ihr Herz sich auf Gott richtet, wie er seine Geschöpfe manifestiert. Das ist Krishna, auch wenn es ein Reh oder sonst ein Tier im Wald oder irgendeine Kreatur ist, für die man Liebe empfindet.

(Text-Zusammenstellung aus Meditationen mit Pir Vilayat Inayat Khan)

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