Die Statuten des Internationalen Sufi-Ordens verbieten es der Organisation, eine offizielle Stellungnahme zur Politik oder eine Einmischung in Regierungsentscheidungen zum Ausdruck zu bringen. Ich kann aber meine private Ansicht vertreten und sie mitteilen. Dies darf nicht als die politische Linie des Internationalen Sufi-Ordens ausgelegt werden.
Natürlich ist jeder eingeladen, seine oder ihre persönliche Meinung auszudrücken. Aber ich wiederhole: der Internationale Sufi-Orden kann keine gemeinsame offizielle Stellungnahme abgeben, sogar wenn diese nur einen entfernten Bezug zur Politik hat.

Krieg oder Frieden
Vergeltung oder Konfliktlösung
von Pir Vilayat Inayat Khan

Hazrat Inayat Khan:
Leiden ist unser erster Aufruf.

Das Entsetzen, der Terror, die herzlose Grausamkeit, das Blutvergießen, die Verwüstung des Krieges! Die Verzweiflung, der Irrsinn, die Schändung der Heiligkeit des Lebens - der Botschaft von Liebe, Harmonie und Schönheit! Sehen Sie sich diese Bilder im Fernsehen an! Menschen töten einander, junge Männer mit Zukunft werden getötet oder für das ganze Leben zum Krüppel gemacht! Unschuldige Männer, Frauen, Kinder als Opfer von Haß und Greueltaten, die in marktschreierischer Weise mit gefühlloser Grausamkeit verübt werden.

Das Schicksal der Menschheit und in der Tat unseres Planeten liegt in den Händen eines menschlichen Phänomens, dessen Gewähltsein als Politiker fragwürdig erscheint, das motiviert ist durch Emotionen von Rache, durch Vergeltung, das Rache geschworen hat und das von seinem feinen Sitzplatz im Weißen Haus aus die Möglichkeit hat:
(1) Tausende, ja Millionen (wir wissen nicht, ob dies soweit eskaliert, daß Milliarden von Menschen weltweit betroffen sind) in den Tod zu schicken oder zu Verstümmelungen, zum Hungertod oder zum Verlust vielleicht der wenigen Besitztümer zu verdammen, die sie besaßen, von ihren Angehörigen getrennt und ins Exil der Flüchtlingslager getrieben zu werden;
(2) haßerfüllte Folter und die Erpressung von Information zu bewirken, wobei das Opfer bei reduziertem Bewußtsein seine Freunde denunziert;
(3) seine Wut auszulassen durch mutwillige Zerstörung von Gebäuden, Monumenten, Einrichtungen und Gerätschaften, die unter Aufbietung von harter Arbeit und Fachkenntnis von unzähligen engagierten Menschen errichtet wurden, und Millionen von Dollars sinnlos zu verschwenden, die darin inverstiert wurden; und
(4) unseren ganzen Planeten in Gefahr zu bringen durch Vergiftung der Umwelt mit tödlichen Gasen.

Der heimtückische, grausame und gnadenlose Anschlag des 11. September auf die Türme wurde ausgelöst durch wilden Zorn auf arabischer Seite darüber, daß Bush Herrn Sharons politische Linie unterstützt hatte, der palästinensische Häuser mit Bulldozern niederwalzte, Israels Bevölkerung expandierte und Palästina kolonisierte. Wir müssen die davon herrührende Emotion erkunden, welche die machiavellistisch grausame, gnadenlose Reaktion der Terroristen angespornt hat, wir müssen aufrichtig untersuchen, was ihre Vergeltungsmaßnahme motivierte und unsere Vergeltung für ihre Vergeltung. Wir müssen auf die Beschwerden hinter dem Aufruhr von Ungeheuerlichkeiten auf allen Seiten hören, die unsere Zänkereien anstacheln, den gegenseitigen Haß, das gegenseitige Töten, das als Rache unerträgliches Leiden über unsere Mitmenschen bringt.

Vergessen wir aber deshalb nicht diese feige, bösartige Tat! Es ist hilfreich für unser Verständnis, zu sehen, wie ein Mißstand abscheuliche Vergeltungsmaßnahmen auslösen kann, die ihrerseits einen Gegenschlag auslösen, der ein Machtspiel in Gang setzt mit seiner Blutspur von Elend, Verzweiflung und Verwüstung!

Wir respektieren alle Religionen und alle Rassen, und es ist diese von Hazrat Inayat Khan gehegte Botschaft, die so vielen Menschen in unseren Tagen und in unserer Zeit überhaupt so viel bedeutet hat. Wir versuchen, ihre Gemeinsamkeit herauszustellen, daher können wir es nicht hinnehmen, wenn die Gläubigen verschiedener Glaubensrichtungen aus politischen Gründen manipuliert werden.

Meine Schwester Noor gab ihr Leben, um den Angriff auf die Nazis zu unterstützen, welche die Juden peinigten, sie wurde zu Tode gefoltert, und heutzutage quält die israelische Regierung die Palästinenser.

Hazrat Inayat Khan:
Die ganze Menschheit ist ein einziger Körper, und alle Nationen, Gemeinschaften und Rassen sind die verschiedenen Organe. Das Glück und das Wohlergehen von jedem davon ist das Glück und das Wohlergehen des ganzen Körpers. Wenn ein einziges Organ des Körpers Schmerz erleidet, so muß der ganze Körper einen Anteil an seiner Strapaze mit ertragen.

Oder gibt es da noch ein tieferes Problem? (1) Vorurteile gegen den Islam, die oft auf Fanatikern basieren, die nicht den wirklichen Islam repräsentieren, und (2) Vorurteile der Muslime gegen die Verwerfung der von ihnen hochgehaltenen Werte durch den Westen.

Es gibt noch ein anderes Kernproblem, das in den Protesten gegen die Globalisierung zum Ausbruch kam: die Anklage der 'Habenichtse' gegen die reiche, im Überfluß lebende Minorität, welche die Ressourcen der Welt in ihrer Hand ansammelt.

Lassen wir uns in einen Teufelskreis primitiver Blutracheakte verlocken, die niemals aufhören? - Racheakte, die Vergeltung nach sich ziehen, und Vergeltungsmaßnahmen, die Gegenschläge auslösen, und endlos so weiter in einem unendlichen Regreß?

Herr Bush könnte einen Kurs in der modernen kultivierten Kunst der Konfliktlösung vertragen.

Wen wollen wir gegen den Irak verteidigen, indem wir ihm seine Massenvernichtungsmittel wegnehmen? Warum dieses unnötige Massaker und die Verwüstung, wenn die Lösung auf der Hand liegt (wollten Sie das sagen???): Schluß mit der territorialen Expansion. Achtung vor dem Territorium des Nachbarn. Dies ist unwiderlegbare, deduktiv zu erschließende, folgerichtige Logik - die Anerkennung von seiten der Regierung Israels für die Rechtmäßigkeit des souveränen Staates von Palästina gleich der jedes anderen Staates der Vereinten Nationen. Wie konnte man das übersehen? Es ist das Kern-Problem.

Glauben Sie etwa, daß es aus Mitgefühl mit den irakischen Menschen geschieht, um sie aus der Unterdrückung durch diesen monströsen Tyrannen zu erlösen, der in der Vergangenheit Massenvernichtungsmittel (die bis heute noch nicht gefunden wurden) nicht nur gegen seine Nachbarn, sondern auch gegen die eigenen Minderheiten benutzte und unter Gejammer über die Armut seiner Bevölkerung diese ausgesaugt hat, um unglaublich kostspielige Paläste für sich selbst zu bauen, und der von den Steuern seines Volkes Millionen veruntreut hat, um sie in einer Schweizer Bank auf seinen Namen zu investieren? Oder glauben Sie, daß die primäre Motivation des Krieges gegen den Irak darin besteht, die wichtigste Energiequelle der Welt zu kontrollieren anstatt sie zu teilen. Könnte es sein, daß zu diesem Zweck wir alle, ja die ganze Welt in Gefahr gebracht werden, wenn der Konflikt in einer globalen nuklearen Katastrophe eskaliert?

In meiner Meditation letzte Nacht offenbarte sich fortwährend eine ganze erweiterte Perspektive: die Weisheit der göttlichen Programmierung, die unsere persönlichen Beurteilungen und Initiativen übersteigt.

Wenn die Unwirklichkeit des Lebens gegen mein Herz stößt,
öffnet sich seine Tür zur Wirklichkeit.
[Nirtan]

Diese letzten Worte von Hazrat Inayat Khan, gesprochen als er hinüberging, lassen uns wissen, daß es irreführend ist, auf unsere intellektuelle Vernunft zu zählen, auf unsere oberflächliche Einschätzung von Situationen, die so offensichtlich scheinen. Wenn unser Herz gebrochen ist (aufgrund des schrecklichen Leidens, das über einige Menschen gebracht wurde), dann taucht ein Verstehen auf, das den Sinn dessen erfaßt, was unser Intellekt nicht begreifen konnte: die göttliche Absicht hinter dem, was unserem Verstand vollkommen widersinnig erscheint.

Die muslimische Geschichte von Moses und Khidr zeigt die Intention im kosmischen Code auf: Khidr, von dem man annimmt, daß er in die göttliche Absicht eingeweiht ist, erklärt Moses, warum jemand getötet werden mußte - er wußte nämlich, daß dieser andernfalls sehr viele andere Menschen getötet hätte.

Die gegenwärtige verhaßte Situation fordert unsere Intelligenz auf, den 'Grund hinter dem Grund' zu erfassen.

Ein Mystiker betrachtet Gründe nicht so, wie jedermann sonst dies tut, denn er sieht, daß der erste Grund, der ihm in den Sinn kommt, nur eine Hülle über einem anderen Grund ist, der hinter ihm verborgen ist. [Vol. 10, Sufi Mysticism - The Mystic] Er sieht die Dinge nicht durch die Vernunft, die er von der Welt gelernt hat, sondern er beginnt den Grund aller Gründe zu sehen, den Grund, der durch gewöhnliche Begründung verdeckt wird. [Vol. 7, In an Eastern Rose Garden - The Four Paths Which Lead to the Goal] … Der Mystiker rührt an die Begründung des Grundes, die Ursache hinter der Ursache, den Zweck jenseits des Zwecks.

Die selbe Realität kann verschieden aussehen, je nach dem Blickpunkt, von dem aus man sie betrachtet.

Ibn 'Arabi:
Der Wahre [die personifizierte Wahrheit - al-Haqq (Anm. v. Kaivan)] ist größer und erhabener, als daß man fähig sein sollte, Ihn in Ihm selbst zu kennen. (Chittick, 1989, p. 225) Unsere Intelligenz kann jedoch eine Art von Empfänglichkeit vermitteln, die über rationales Denken hinausgeht. (vgl. Valsan, ET 4-5/1952, p. 127) Er zeigt sich dir nur in dem Maße, wie dein Niveau der Erkenntnis / Verwirklichung es zuläßt. (vgl. Chittick, 1989, p. 105). Man könnte den Wahren hinter dem Schleier der Dinge erblicken. (vgl. Chittick, 1989, p. 228) Entschleierung vermittelt Wissen vom Wahren in den Dingen. Dinge sind wie Schleier über dem Wahren. Wenn sie gelüftet werden, findet Enthüllung statt. Dann wird man Gott durch Gott kennen. Der Wahre wird in den Dingen nicht gesehen ohne die Manifestation der Dinge und die Aufhebung ihrer Eigenschaften. Die Augen der gewöhnlichen Menschen fallen auf die Eigenschaften der Dinge, aber die Augen derer, welche die Öffnung besitzen, durch welche hindurch Entschleierung geschieht, fallen auf den Wahren in den Dingen. Unter ihnen ist derjenige, der den Wahren in den Dingen sieht, und unter ihnen ist auch derjenige, welcher die Dinge sieht, während der Wahre in ihnen ist. Zwischen diesen beiden gibt es einen Unterschied. Wenn die Öffnung stattfindet, fällt der Blick des ersteren auf den Wahren und er erkennt Ihn in den Dingen, aber der Blick des zweiten fällt auf die Dinge, und er erkennt den Wahren in ihnen wegen der Existenz der Öffnung. Wenn du die Schöpfung wahrnimmst, wirst du den Wahren nicht sehen, und wenn du den Wahren wahrnimmst, wirst du die Schöpfung nicht sehen. Also wirst du niemals sowohl den Wahren als auch die Schöpfung zugleich sehen: du wirst diese in jenem und jenen in dieser wahrnehmen, weil eines davon eine Umhüllung und das andere eingehüllt ist. [vgl. ebd. p. 225] Wenn dieser Schleier gelüftet ist, findet Offenbarung statt. Dieser Schleier kann durchsichtig werden.

Was wir als unsere oder anderer Menschen Initiativen oder Entscheidungen betrachten, könnte sich als etwas herausstellen, was genau die Art und Weise ist, wie das Universum diese Entschlüsse auslöst, um sein Interesse am Zustand der Totalität des Universums in die Hand zu nehmen. Um das göttliche Geschenk der Freiheit zu sichern, ist die Menschheit mit einem Programm ausgestattet, welches überwiegend das auslöst, was ihre Freiheit unterdrückt: Diktatur.

Unglücklicherweise werden die unpersönlich motivierten Helden, die einen Diktator, der seine Mitmenschen peinigt, zu vernichten planen, im allgemeinen von den Machthabern ergriffen und selbst gequält (wie im Falle meiner Schwester Noor und derjenigen, die sich gegen Stalin, Hitler, Ceauçescu und viele andere verschworen hatten). Hazrat Inayat Khan besänftigt uns, indem er sagt:

Kreuzigung allein ist die Quelle der Auferstehung. Unsterblichkeit resultiert aus der Vernichtung des Selbst. … Die Traube lebt, indem sie sich in Wein verwandelt; als Traube würde sie mit der Zeit dahingeschwunden sein. Aber indem sie sich in Wein verwandelt, verliert die Traube ihre Individualität und dennoch nicht ihr Leben. Ebendiese Traube lebt fort als Wein, und je länger sie lebt, desto besser wird der Wein. Für einen Sufi besteht daher das wahre Sakrament darin, die traubenartige Persönlichkeit, die nur begrenzte Lebensdauer besitzt, in Wein zu verwandeln, damit nichts vom eigenen Selbst verloren gehe, sondern im Gegenteil ausgedehnt, sogar vervollkommnet werde. [Vol. 9, The Symbology of Religious Ideas - Wine] Unsterblichkeit ist nicht im Jenseits zu suchen; wenn sie jemals erlangt wird, so geschieht das in unserer Lebenszeit. [Vol. 14, The Smiling Forehead - The Deeper Side of Life] Tugenden wie Toleranz, Vergebung, Erbarmen oder Mitgefühl erheben sich ganz von selbst im Herzen, das zur Liebe erwacht ist; und Schwächen wie Eifersucht, Haß und alle Arten von Vorurteil beginnen aufzuschießen, wenn der Schatten der Liebe auf das Herz des Sterblichen gefallen ist. Die erstgenannte Liebe erhebt den Menschen zur Unsterblichkeit; die letztere verwandelt die unsterbliche Seele in ein sterbliches Wesen. [Vol. 11, Mysticism in Life - Love]

Der Verlust alles Vergänglichen ist ein Gewinn in den unsterblichen Sphären, denn er erweckt das Herz, das in der Jagd nach dem Gewinn und dessen Freuden schläft. … unter dem Mantel jedes Verlustes lag verborgen ein größerer Gewinn… [Vol. 3, Moral Culture - The Law of Renunciation]

In den Friedensverträgen nach dem 2. Weltkrieg respektierte Churchill die Freiheit des deutschen Volkes.

Als keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden, wechselte Bush seine Taktik dahingehend, daß er vorgab, das irakische Volk zu befreien. Meinen Sie, daß die USA auf Kosten so vieler Menschenleben und Milliarden von Dollars in den Krieg zogen, weil sie Mitleid mit den Opfern der ungeheuerlichen Unterdrückung und der Qual des irakischen Volkes hatten? Wenn es darum geht, die Erdölversorgung zu kontrollieren, dann geschieht das auf Kosten eben dieser Freiheit des irakischen Volkes, die als Grund vorgegeben wurde.

Im Gegensatz zum Fall Churchill konfrontiert hier jemand den Diktator mit Gewalt (auf Kosten des Lebens anderer Menschen) - jemand, der dadurch motiviert ist, durch die Überwindung des Diktators etwas zu gewinnen, indem er die Büchse der Pandora öffnet und ein Inferno der Anarchie entfesselt. In diesem Falle ist es so, daß eben diese Person bzw. deren Kohorten ihre Feinde quälen, während sie sich damit rechtfertigen, daß sie die ungeheure Grausamkeit des Despoten, den sie angreifen, vereiteln - und so dieselbe Grausamkeit zur Vergeltung verüben. Gandhi sagte: "Der Zweck rechtfertigt nicht die Mittel".

In der gegenwärtigen Krise, in unserer Bestürzung über eine aus der Ordnung geworfene, am Rande einer Katastrophe dahinschwankende und taumelnde Welt (oder ist sie geplagt von äußerst bösartigen und gefährlichen Geburtswehen, die eine tapfere neue Welt ankündigen?), während wir erzittern angesichts der wütenden Drohung, weitere unvorstellbar eskalierende Zerstörung über unseren ehemals schönen Planeten zu bringen und Tod oder unerträglichen Schmerz bei Millionen, vielleicht Milliarden unschuldiger Menschen zu verursachen - in dieser Krise stehen unsere spirituellen Werte auf dem Spiel.

Wir alle sind emotional geschockt und empört von der unglaublichen Grausamkeit, dem entsetzlichen Geschehen. Tatsächlich sind wir eine verwundete Menschheits-Familie. Die gegenwärtige Krise demonstriert das Ausmaß, in welchem Verbitterung und Haß zu ungeheuerlichen Taten führen können, besonders wenn sie getragen sind von einem falschen Verständnis der eigenen Religion. Da gibt es Mißverständnisse, Fehldeutungen, gescheiterte Kommunikation.

Unzählige Leben sind in vergangenen Kriegen geopfert worden, die von Vergeltung motiviert waren, während sie mit einem kultivierteren Ehrgefühl hätten verschont werden können. Im übrigen schlägt solches Handeln auf den Rachsüchtigen zurück.

Wie können wir mit den Greueln und dem Leiden umgehen?
Gibt es irgendetwas, das wir tun können? Was können wir tun?

In diesem Verwirrspiel haben wir ein drängendes Bedürfnis, uns miteinander darüber auszutauschen, in welchem Dilemma wir uns befinden, unsere Herzen zu öffnen, unsere Unsicherheit zuzugeben, was die angemessene Handlungsweise ist im Umgang mit der schändlichen Provokation für die Welt, in der wir zu leben gewohnt sind, einzugestehen, daß wir selbst nicht immun sind gegen vielleicht noch uneingestandene Haßgefühle, Intoleranz, Diskriminierung oder eine fanatische Parteilichkeit, die verständlicherweise durch Loyalität angeregt ist. Hierbei werden wir geprüft durch genau die Herausforderung, welche die Entscheidungen nicht nur derjenigen bestimmt, die für die Handhabung von Situationen verantwortlich sind, die unser Leben, unsere Sicherheit, unser Wohlergehen in Mitleidenschaft ziehen, sondern auch derjenigen, die hinter den Kulissen arbeitend die Weltordnung stören, um ihrem Groll und ihren Ressentiments Luft zu machen.

Die Flut der Aversionen, die in unseren schwierigen Zeiten an die Oberfläche gekommen ist und die Frucht der Mühen engagierter menschlicher Bestrebung und Fähigkeit aufs Spiel setzt und unsere Gesellschaft spaltet; der Schaden, der unserem schönen Planeten zugefügt wird durch Mißachtung seiner Heiligkeit, und die Plünderung hochgeschätzter Werte, was von Dekadenz zeugt; - all diese Vorgänge rütteln uns aus unserer geschniegelten Selbstzufriedenheit auf und fordern uns heraus, die Kernprobleme auf der Ebene der Gesellschaft und in uns selbst zu erforschen.

In unserer gegenwärtigen Situation hat sich unser Schmerz enorm verstärkt und er hat uns gezwungen, uns mehr denn je zuvor mit uns selbst zu befassen, verborgene Emotionen aufzudecken, die wir nicht gern als etwas zu uns Gehöriges betrachten.

Jeder kleine Beitrag unsererseits (wie geringfügig auch immer) spielt seine Rolle in der gesamten Woge von Sensibilität für das Leiden der Menschen und bringt folgerichtig die Ursache der Anfeuerung von Gewalt in den Blick. Es beginnt im persönlichen Maßstab.

Vielleicht besteht die beste Art des Verstehens und der Teilnahme am gesamten Geschehen darin, daß jeder von uns in seiner eigenen bescheidenen Weise es sich auf der persönlichen Skala ansieht. Man kann sagen, daß diese Herausforderung uns einläd, in unser eigenes Inneres zu blicken und verborgene Emotionen zu entdecken. Es ist nicht immer einfach, sie zu erkunden. Sie verstecken sich. Es erfordert einen Akt der Echtheit, der Aufrichtigkeit, und daß man wirklich genügend Vertrauen in die Wahrheit hat, damit man ihnen ins Gesicht sehen kann.

Krieg, Gewalt, Grausamkeit, mit der ganzen Spur von Elend, die sie hinter sich herziehen, beginnen in jedem von uns, mit unseren kleinen menschlichen Problemen (unseren Stürmen in unserer Teetasse). Und zusammengenommen eskaliert dies zu schrecklichen Problemen, sogar Massenmord.

Wir werden darin geprüft, ob wir Rache nehmen wollen für die abscheuliche Grausamkeit begangen an Menschen, die ihrer täglichen Arbeit nachgingen. Dies würde bedeuten, in primitive Fehden und Blutrachen hineinzurutschen, in eine Zeit, als es Sitte war, daß eine Beleidigung nur durch Vergeltung gesühnt werden konnte, um seine Ehre wiederherzustellen.

Hazrat Inayat Khan:
Man hat eine natürliche Neigung, bei einer Beleidigung zu denken, daß die angemessene Antwort darauf eine noch größere Beleidigung ist. Man erfährt sogar eine momentane Befriedigung, es dem andern gezeigt zu haben. So flammt ein Feuer auf in dem Geist, der zuvor friedvoll gewesen war, und durch Reagieren beteiligt er sich an diesem Feuer, das einen selbst verbrennen wird. Man gießt Öl auf das Feuer, das sich zerstörerisch erhebt und verursacht so weitere Zerstörung. … Indem man der Disharmonie nachgibt, bewirkt man, daß die Disharmonie sich vervielfacht. (Social Gathekas, Harmony)

So neigen wir - angespornt von unserem verwundeten Gefühl - dazu, aus Ärger mit Provokationen zu reagieren, anstatt in einer besonnenen Weise zu handeln, um die Situation zu kontrollieren.

Erinnern wir uns an einen Zwischenfall im Leben von Hazrat Ali, der einen Feind freiließ, der ihm ins Gesicht gespuckt hatte, woraufhin der Feind ihn fragte, warum er ihn nicht getötet habe. Hazrat Ali sagte: "Ich wollte nicht im Ärger reagieren." Man sagt, daß auf dem Schwertgriff von Prophet Mohammed die Worte standen: Vergib dem, der dir Unrecht tut; verbinde dich mit dem, der dich abweist; tu Gutes dem, der dir Böses antut, und sprich die Wahrheit, auch wenn es zu deinem Nachteil sein mag. (Vgl. Helminski)

Christi Lehre "Widersteh nicht dem Bösen" ist ein Hinweis, nicht an einem Übel teilzunehmen und sich dadurch desselben Übels schuldig zu machen.

Der ganze Buddhismus begann mit Buddhas Suche nach einer Beendigung des Leidens aus Mitgefühl.

Sind wir in der Seele ergriffen angesichts der Degeneration hochgeschätzter moralischer Werte, die von der Tradition geschützt wurden? Die Herausforderung lenkt unsere Aufmerksamkeit mehr denn je zu der Frage, was wir tun können (egal wie begrenzt die Reichweite eines jeden von uns ist), um mit unseren Freunden, so beunruhigt wir sind, die Bedeutung der "Erweckung des Gewissens" zu würdigen und zu teilen. Hier liegt die Crux dessen, was die Krise ausgelöst hat: es drängt uns dazu, uns mit eben der Emotion zu befassen, die hier ihren Ursprung hat. Wir können uns nicht herausziehen aus der Zwangslage unserer Mitmenschen in einer Zeit des Unfriedens.

Wenn man Werte wie Liebe, Harmonie, Schönheit, Achtung vor der Würde seiner Mitmenschen und Freundlichkeit vertritt, dann verursacht es solchen Schmerz zu entdecken, in welchem Ausmaß die Emotionen des Hasses und die unsensible Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden gnadenlos und gewissenlos hervorbrechen, wenn man bedroht oder erschreckt wird - sogar unter Menschen, die unter gewöhnlichen Umständen nach normalen Standards angemessenen Benehmens funktionieren würden! Niemals zuvor war die Botschaft der Erweckung des Gewissens von so dringender Bedeutung. Wenn wir zu erkunden versuchen, was die emotionalen Motive hinter der gegenwärtigen Krise sind - mehr denn je zuvor -, dann wird klar, daß der Haß, der diese gegenseitige Gewalt in massivem Ausmaß ausgelöst hat, von der selben Natur ist wie unsere Ressentiments in unseren persönlichen Problemen, und daher mahnt uns die Bedeutung von Christi Botschaft "Vergib denen, die uns verletzen… Sie wissen nicht, was sie tun" in größerer Relevanz als je zuvor. Und es ist diese Botschaft, die implizit in Hazrat Inayat Khans Botschaft mitklingt:

Es gibt ein Sprichwort: "Alles verstehen, heißt alles vergeben", denn es ist das Anzeichen des edlen Geistes, alles zu begreifen, alles zu assimilieren und daher alles zu tolerieren und zu vergeben. Denn jeder spricht oder handelt oder denkt nur seiner eigenen besonderen Entwicklung gemäß, und er kann es nicht besser. Man kann nicht zu wahrem Adel des Geistes gelangen, wenn man nicht dazu bereit ist, die unvollkommene menschliche Natur zu verzeihen. Und so wie man bereit ist, die Fehler von Kindern zu vergeben, so sind die Weisen bereit, die Fehler von Erwachsenen zu verzeihen.

Groll ist ein ererbter primitiver Überlebensinstinkt, der in unser psychisches Abwehrsystem eingeschrieben ist, aber im Laufe der Evolution muß er in bedingungslose Liebe transformiert werden.

Wie gehen wir mit dem Groll gegenüber Menschen um, die uns bei der Praktizierung dessen im Wege stehen, was unser vitales Bedürfnis, möglicherweise unsere höchste Berufung im Leben ist?

Hazrat Inayat Khan:
Das Leben ist schwierig für den subtilen Menschen, denn er kann es nicht heimzahlen, was er an Verletzung empfängt, und er spürt es stärker als der Durchschnittsmensch. Und es gibt nur einen Schutz vor all diesen Schlägen, die das Herz vollständig zerstören könnten: das ist zu lernen, wie man toleriert, zu lernen, wie man vergibt.
Ein Sufi bemüht sich, Harmonie in seiner Umgebung zu bewahren, diejenige Harmonie, welche viele Opfer verlangt. Das läßt einen ertragen, was man nicht ertragen will, es läßt einen Dinge übersehen, die man lieber nicht übersehen möchte, es läßt einen tolerieren, was was man nicht gewohnt ist zu tolerieren, und es läßt einen vergeben und vergessen, was man niemals vergessen hätte außer um der Harmonie willen. Aber ganz gleich, zu welchen Kosten Harmonie erworben wird, es ist ein gutes Geschäft. Denn Harmonie ist das Geheimnis des Glücks.

Es gibt Mittel, unsere Ressentiments anzuschauen. Stellen Sie sich vor, daß es mitten in der Nacht an die Tür klopft. Man späht hinaus: Christus klopft an die Tür! Dieses große kosmische Wesen kommt in den Raum und sagt: "Ich bitte Sie, zu vergeben. Wissen Sie, daß all das Elend in der Welt als Groll beginnt?" Dann ist er wieder fort. Das ist nicht dasselbe, wie wenn man sich selbst zur Vergebung zu zwingen versucht. Wenn Christus einen bittet, zu vergeben, dann kann man es. Das macht allen Unterschied aus. Die transpersonalen und kosmischen Dimensionen müssen in unser Wesen einbezogen werden als inhärente, kraftvolle, transformierende Faktoren.

Um uns in unserer Beziehung zu Menschen, denen wir grollen, zu helfen: Nehmen Sie an, daß diese eine falsche Einschätzung von uns haben. Menschen verkennen uns, mißbrauchen uns, und geben uns ein schlechtes Gefühl aufgrund dieses Mißbrauchs, alles unbewußt. Wir treffen diese Bedingungen im persönlichen Rahmen an und auch global, wenn sie in Gruppen-Emotionen eskalieren: unzugänglich für Vernunft, ohne Kompromißbereitschaft, nicht gewillt, die Dinge zu erörtern.

Fragen Sie sich selbst: Haben Sie jemals etwas getan, was einer anderen Person Schmerz verursacht hat? Können wir aus dem Blickwinkel der anderen sehen und erkennen, wie sie leiden? Hätte ich dem anderen den Schmerz ersparen können? Wir werden in unserem Gewissen geprüft aufgrund dessen, was wir anderen Menschen sogar durch unsere Emotionen antun. Menschen leiden durch unsere Emotionen. Wenn wir die Person nicht leiden können, dann fühlt sie das. Vielleicht sind wir aufgerufen, uns Menschen zu öffnen, die uns Schmerz zufügen.

Hazrat Inayat Khan:
Wenn wir vergeben, dann vergeben uns die anderen.

Wie überzeugen wir diejenigen, die unserem Bedürfnis im Wege stehen, davon, daß sie sich über uns täuschen? Konnte Christus diejenigen, die ihn folterten, davon überzeugen, daß sie irregeleitet waren? Nein. Aber er war fähig zu vergeben. Können wir die Perspektive gegenüber unserem Feind umkehren und Mitleid mit ihm haben, weil er sich täuscht und bestialischen Emotionen in sich aufzutauchen erlaubt? In ihrer Arbeit mit Schimpansen berichtet Jane Goodall, daß diese zu den liebevollsten Handlungen fähig sind, zu Mitgefühl, Humor und sogar einem Gefühl von heiliger Scheu. Aber eben diese Schimpansen sind auch dazu fähig, die gräßlichsten Handlungen von Haß, Gewalt und Grausamkeit zu begehen.

Unser Selbstwertgefühl, unsere Selbstwertschätzung ist so prekär. Unsere Fehler zu erkennen, schwächt unser Selbstwertgefühl noch mehr. Wir sind aufgerufen, diese unbewußten Emotionen aufzudecken. Nur eine einzige Kraft wird uns helfen, diese Emotionen zu überwinden oder auszugleichen. Das ist Liebe. Das ist die Botschaft von Christus. Wir werden dazu herausgefordert, unsere Selbstzufriedenheit und Gefühllosigkeit hinter uns zu lassen. Es ist entwaffnend:

Hazrat Inayat Khan:
Liebe ist die stärkste Waffe in der Welt, um Hindernisse zu überwinden.

Das Schwierigste in der Welt besteht darin, jemanden zu lieben, der schwer zu lieben ist, der im Wege steht, aber zugleich ihm nicht zu erlauben, einen selbst oder besonders andere Menschen zu verletzen.

Wir müssen auf die Beschwerden hinter dem Aufruhr von Ungeheuerlichkeiten auf allen Seiten hören, die unsere Zänkereien anstacheln, den gegenseitigen Haß, das gegenseitige Töten, das als Rache unerträgliches Leiden über unsere Mitmenschen bringt.

Wir haben die Gelegenheit, unsere Welt zu einem Paradies zu machen, indem wir eine wundervolle Welt von wunderbaren Menschen aufbauen. Und es braucht nur einige wenige Menschen, um die Hölle auf Erden zu erschaffen, nicht nur für sie selbst, sondern für andere (die Konzentrationslager) und für uns alle.

Wenn man Werte wie Liebe, Harmonie, Schönheit, Achtung vor der Würde seiner Mitmenschen und Freundlichkeit vertritt, dann verursacht es solchen Schmerz zu entdecken, in welchem Ausmaß die Emotionen des Hasses und die unsensible Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden gnadenlos und gewissenlos hervorbrechen, wenn jemand bedroht oder verängstigt wird - sogar unter Menschen, die unter gewöhnlichen Umständen nach normalen Maßstäben angemessenen Benehmens funktionieren würden! Nie ist die Botschaft der Erweckung des Gewissens von so dringlicher Bedeutung gewesen.

Der Zweck der Religion besteht darin, der Wächter der Heiligkeit unserer allerhöchsten Werte zu sein.

[Übersetzung von Kaivan]

Home