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inige Gedanken zum Universel
von Kaivan

 

"Genau genommen ist der Sufismus weder eine Religion noch eine Philosophie; er ist weder Theismus noch Atheismus, sondern steht zwischen den beiden und füllt die Lücke aus." (Hazrat Inayat Khan)

"Hazrat Inayat Khan´s Arbeit im Westen war Ausdruck einer tiefen ökumenischen Verpflichtung unter dem Zeichen des 'Universel' -- wie er ihn erschaute, der Archetyp der Spiritualität der Zukunft, ein Tempel von Licht, in welchem alle Glaubensbekenntnisse in einer polyphonen Glorifikation des Einen Wesens konvergieren." (Pir Zia Inayat Khan)

"Mögen wir unter denen sein, die die Transfiguration der Erde bewirken!" (Yasna 30.9)


Der Universel ist eine Einladung an die Menschheit, Schüler Gottes zu werden.

Schülerschaft lernen wir in der esoterischen Schule, zur Ausbildung der eigenen Herzensqualitäten unter Anleitung eines physisch anwesenden Meisters oder spirituellen Wegbegleiters. Dieser manifestiert Aspekte der göttlichen Erbschaft, die den Schüler in der Tiefe berühren, ihn zur Nachfolge einladen und in ihm Aspekte der eigenen göttlichen Erbschaft wachrufen.

Wo es jedoch um die Transfiguration der Erde und das Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen geht, müssen diejenigen, die an ihr mitwirken wollen, über die Klostermauern der esoterischen Schule hinausgehen, um die Menschen im weltlichen Alltag zu erreichen. Jesus hatte die esoterische Schule der Essener hinter sich gelassen, um in der Welt der Steuereintreiber und Prostituierten, d.h. unter ganz normalen Menschen zu wirken!

Wenn wir diesem Beispiel folgen, stellen wir fest, daß die Menschen uns in der Regel ihre eigene - mehr oder weniger festgefügte - Religion entgegenbringen. Das gilt auch für diejenigen, die sich als a-religiös oder atheistisch verstehen. Denn das bedeutet ja nur, daß sie sich keinem institutionalisierten Glauben zugehörig fühlen. Dennoch haben sie - von ganz verzweifelten und verhärteten Fällen mal abgesehen - immer noch Ideale, die über ihre jeweiligen Egobestrebungen zumindest potentiell hinausgehen. Der Geist der Führung wirkt nicht nur durch die großen Wesen hindurch, sondern in jedem von uns als Gewissen und Inspiration. Und unser höchstes Ideal richtet uns aus auf die Manifestation dessen, was Hazrat Pir-o-Murshid Inayat Khan das göttliche Erbe in uns nannte.

"Wahrhaftig, ob die Suche materiell oder spirituell ist, - am Ende wird und muß man an das Ziel gelangen, welches für jeden das selbe ist. Wissenschaftler und Ingenieure, Menschen, die in der Erforschung materieller Dinge absorbiert sind und kaum jemals an spirituelle Angelegenheiten denken, - sogar sie kommen nach vielem Forschen ziemlich nahe bei dem selben Wissen an, welches das ultimative Wissen ist. Als was auch immer ein Mensch uns also erscheinen mag, als Materialist oder Agnostizist, - wir können ihn nicht wirklich so nennen, denn am Ende ist sein Ziel und seine Verwirklichung die selbe." (Hazrat Inayat Khan)

Auch jemand, der 'Gott' für eine Erfindung der Theologen hält, weil er die Religionen nur als ideologische Instrumente weltlicher Macht sieht - was sie ja teilweise auch geworden sind -, kann inspirierende Gründe für seine Ausrichtung im Leben haben. Wenn wir diese verstehen können, haben wir einen Anknüpfungspunkt zur Förderung seiner eigenen Ideale und der darin betonten Aspekte der göttlichen Erbschaft, - sei es ein Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, oder was auch immer ihn letztlich motiviert. Und so steht es mit allen Orientierungen, die den Menschen Sinn im eigenen Leben geben und im weiteren Sinne ihre Religion darstellen. Anstatt den Menschen unsere eigenen Ideale aufzuschwatzen, können wir ihnen bei der Entdeckung und Entfaltung der ihren helfen. Das entspricht genau dem Prozeß, den wir in der Ausbildung der esoterischen Schule einüben, nämlich als Guide die besonderen Qualitäten des Murid zu erkennen und zu fördern, anstatt ihm unsere Vorstellungen überzustülpen.

Wenn wir in unserem Verständnis solcher Alltagsreligionen tief genug sehen, werden wir aber wahrscheinlich auch auf die Spuren der Religionen im engeren Sinne stoßen, die durch Heilige, Meister und Propheten der Menschheit gebracht wurden. Vielleicht entdecken wir in einem Atheisten noch unentfaltet einen Devotee von Buddha, der dessen Lehre von den Ursprüngen des Leids noch nicht gründlich genug begriffen hat. Und dann wird unsere Fähigkeit, ihm bei der Erfüllung seiner eigenen Lebensaufgabe von Nutzen zu sein, vom Grad unseres Verständnisses für das Wesen dieser Religion und seines Gründers abhängen.

Die Botschaft war immer eine Antwort auf den existentiellen Schrei der Menschen einer bestimmten Gemeinschaft, so wie sie heute auf den Notschrei der sich zur Einheit entwickelnden Menschheit insgesamt antwortet. Aber diese sich herausbildende Einheit ist nicht uniform, sondern enthält ein reiches Spektrum an kulturellen und individuellen Gestaltungen des Ideals, die wir alle als Religionen betrachten können. Sind wir dieser Vielfalt gewachsen, und wie tief haben wir sie in uns aufgenommen? Haben wir verstanden, auf welche Not ein bestimmter Prophet oder sonstiger Lehrer von Idealen antwortet? Haben wir verstanden, welche Lehre zur Überwindung der Not er gibt? Haben wir das Wesen dieser Lehre jenseits ihrer historischen Verzerrungen verstanden? Können wir die Lehre auf die heutige Weltsituation und speziell auf die Not des uns gerade begegnenden Menschen anwenden? Haben wir sie soweit in unserem eigenen Sein, unserem Denken, Sprechen und Tun verwirklicht, daß wir halbwegs authentisch sind und nicht nur leere Worte und intellektuelle Gelehrsamkeit vermitteln, wenn wir dessen eigenes Ideal ansprechen? Denn nur dann werden wir diesem Menschen auf dem ihm bestimmten Weg helfen können und damit einen Beitrag geben zur Verbreitung der Botschaft.

Wir müssen die Meister, Heiligen und Propheten aller Religionen studieren. Sie alle haben dazu beigetragen, Menschlichkeit zu definieren und praktisch heranzubilden. In jedem von ihnen hat Gott uns ein Geschenk an weiterer Menschwerdung gemacht, das sich als eine neue Farbe in eine wachsende Palette kreativer Daseinsgestaltung einfügt. Dieses Studium ist nicht intellektuell, es hat nichts mit vergleichender Religionswissenschaft zu tun. Wir lernen einen Gesandten Gottes kennen durch Einfühlung in sein immerwährendes Wesen, durch Meditation auf seine überzeitliche Gegenwart. Das hilft uns, Devotion zu entwickeln, Verehrung und Liebe zu dieser besonderen Art von Menschlichkeit, die der betreffende Meister, Heilige oder Prophet verkörpert. Das ist not-wendig, um die Not zu verstehen, welche durch diese Art von Menschsein gewendet werden kann.

So bringt der Universel zur Blüte, was im Universellen Gottesdienst vorbereitet wird. Eigentlich ist er nichts anderes als dieser, nämlich universeller Dienst am Willen Gottes,- aber nicht mehr beschränkt auf ein getrenntes Ritual, sondern in den Alltag und die alltäglichen Kontakte mit Menschen hinein ausgedehnt. Wie man in der katholischen Messe einander einmal in der Woche ein Zeichen des Friedens gibt, so könnte man dies auf der Basis des Universel unablässig praktizieren, und zwar nicht nur symbolisch. Wie Jesus sagte, sollen wir unserem Bruder seine Verfehlungen (die oft nur in seiner Andersartigkeit bestehen) nicht nur siebenmal - geschweige denn gar nicht -, sondern immer wieder vergeben. Der Universelle Gottesdienst als Feier und begrenztes Ritual kann zur Einübung in den Universel als ständiges Gebet dienen. Deshalb betont Pir Vilayat in der Choreographie der Kosmischen Feier immer mehr die meditative Einstimmung auf das Wesen der Propheten gegenüber der Verlesung von historisch geprägten Texten der Religionen. Allerdings können uns nur solche Gestalten zur Nachfolge und Verwirklichung der göttlichen Erbschaft in uns selbst inspirieren, die sich beispielhaft als Menschen manifestiert hatten. Mythologische Figuren wie z.B. die griechischen 'Göttinnen' sind kein mögliches Vorbild für uns Menschen, weil sie selbst nicht menschlich, sondern höchstens allzumenschlich (mit allen möglichen Ego-Marotten ausgestattet) sind und keine Entwicklung kennen. Der 'Sufi-Ashram' soll in die Welt hinausgetragen, nicht aber vom kulturellen Tourismus heimgesucht werden wie die Klöster, die daran zugrundegehen!

Durch die Einstimmung auf die großen Gesandten Gottes bereiten wir uns also vor, den faktischen oder potentiellen Anhängern einer Religion auf der Basis ihres eigenen höchsten Ideals begegnen zu können, um ihnen den für sie verständlichen und ihnen helfenden Aspekt der universellen Botschaft zu vermitteln. Dann können wir sie einladen, Schüler von Gott zu werden, vergegenwärtigt durch die Gestalt, die ihnen am meisten zugänglich ist, damit sie die in ihnen selbst keimenden Aspekte der göttlichen Erbschaft zum Wohl der ganzen Menschheit manifestieren. Zur Verherrlichung des allgegenwärtigen Gottes entzünden wir im Herzen der Menschen ein Licht für ihre eigene Religion, damit sie das Leben besser erkennen und verstehen. Wenn die Individuen das Wesen ihrer besonderen Religion verstehen und leben, ohne sie auf vergängliche Formen und Rituale zu reduzieren, wird die Menschheit das ganze Spektrum der Religionen in Einheit und Eintracht leben können. Inspiriert vom Beispiel der Meister, Heiligen und Propheten kann die göttliche Erbschaft in der Menschheit insgesamt als farbenreiche Gestaltung manifest werden. Und es wird Frieden sein, denn Streit herrscht nicht zwischen den Gesandten von Gott.

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