Der Universel : Vision und Zweck
von Pir Vilayat & Sharif Graham

Der Universel wurde 1926 gegründet durch den ersten Sufi-Lehrer im Westen, Pir-o-Murshid Inayat Khan, als ein Tempel, dessen Bausteine menschliche Wesen sind. Diese Schöpfung auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn verkörpert seine futuristische Vision und eröffnet neue Perspektiven: eine Spiritualität, welche die Fülle der Ausblicke umschließt, die in den großen Religionen artikuliert worden waren, während sie zugleich neue Ansätze eröffnet und für solche offen ist, welche der Seelensuche von Menschen unserer Zeit und unseres Zeitalters Antwort gibt. Unsere Suche jetzt gilt den Paradigmen gemeinsamer Grundlagen von spirituellen Glaubenssystemen und spirituellen Erfahrungen. Dies muß eine gemeinsame Vision sein, die sowohl ein Erwachen des Bewußtseins als auch des Gewissens fördert: des Bewußtseins im Hinausgehen über seine übliche Reichweite und des Gewissens im Anpacken der sozialen und psychologischen Probleme, die unsere herausfordernden Zivilisationen bedrängen.

Der Universel wird nun ausgeweitet, um eine umfassende Vision von natürlicher Harmonie zwischen innerem und äußerem Leben und zwischen menschlichem Leben und dem Rest der Schöpfung einzuschließen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends scheint die Menschheit am Rande eines Durchbruchs der Erkenntnis zu balancieren, belegt durch Umweltbewußtsein, Bewegungen für ökonomische Gerechtigkeit und Menschenrechte, das auftauchende planetarische Bewußtsein und viele andere positive Tendenzen. Andererseits droht die wachsende Vorherrschaft des Kommerzialismus die Menschheit von jeglichen tieferen Beweggründen abzulenken.

In kritischen Momenten der Geschichte kommt eine frische spirituelle Vision zum Vorschein, eröffnet eine tiefgründig neue Perspektive, welche die Einsichten der Vergangenheit aufnimmt, aber auch transzendiert. Die neue Vision, die in unserer gegenwärtigen Welt aufsteigt, ist dynamisch und entfaltet sich kontinuierlich in einer Vielzahl von Zentren, dabei aber geeint durch eine tiefe gemeinsame Sichtweise. Diese Perspektive kann man schon in Inayat Khans Beschreibung erahnen:

Jedes Atom, jedes Ding, jeder Zustand und jedes Lebewesen hat eine Zeit des Erwachens. ... Es ist nicht so, daß irgendeine neue Sache oder Welt oder ein Wesen geschaffen werden muß, sondern daß es eine Neuanordnung aller Teile geben wird, bis das Ganze vollständig ist. ... Jedes Elektron und Atom muß seinen eigenen ihm bestimmten Platz in dem mächtigen Entwurf einnehmen. Dies ist der große Vorgang der Evolution. Der Gott, der in der Menschheit begraben liegt, muß enthüllt und auf seinen Thron im Herzen des Menschen gesetzt werden. ... Das ganze Universum hat seinen Beitrag geleistet zu der Art, wie die Menschheit heute denkt.

Der Universel repräsentiert daher ein Vordringen unseres individuellen und kollektiven Bewußtseins in die Zukunft. Die Absicht ist, der Menschheit eine Fahrstraße für ihre Reise zur Verfügung zu stellen, so daß wir schließlich unser nächstes Ziel erreichen und dem nächsten Kapitel unseres Schicksals begegnen können. Um dies zu tun, werden wir Gebrauch machen müssen von unseren Kräften der Intuition und der Wahrnehmung, von Mitgefühl, Wissen gewonnen aus Erfahrung, von Toleranz und Liebe, um zu erspüren, was die Bedürfnisse der Menschheit und der übrigen Schöpfung in Jahrhunderten vom heutigen Tage aus sein werden. Wir müssen zusammenarbeiten, um das Gesicht der Wahrheit frei und unverdunkelt von vorgefaßten Meinungen, Vorurteilen und Denkgewohnheiten zu entdecken.

Um unsere Rolle im Erwachen der Menschheit - das beiläufig gesagt bereits stattfindet - ausfüllen zu können, müssen wir in uns selbst entdecken, was mit der Menschheit in unserer Zeit geschieht, und umgekehrt das identifizieren, was in uns selbst auftaucht, da es dem entspricht, was in unserer sozialen, psychologischen und sogar physischen Umwelt hervorbricht. Dies ruft uns auf, neue Weisen des Denkens und Fühlens anzunehmen.

Die neue Vision in unserer Zeit bekräftigt die Heiligkeit und wechselseitige Verbundenheit all dessen, was existiert. Sie umfaßt die größtmögliche Entfaltung jedes Individuums in Gemeinschaften, die auf erwachter Gerechtigkeit begründet sind, auf der Schönheit des Unterschieds, spiritueller Freiheit, Chancengleichheit und demokratischen Grundsätzen. Sie anerkennt, daß innerhalb der größeren Gemeinschaft des Seins alle Dinge einen einzigartigen Platz und Beitrag haben.

Der Universel ist ein Aufruf, unserem Planeten und denen, die auf ihm leben, Heilung zu bringen; die Spaltungen zwischen geistigem Sein, Gemüt und Körper zu überwinden; uns über unsere Eigenarten und Differenzen zu erheben; und die Einheit, nicht aber die Uniformität in der Welt zu befördern. Der Universel ruft nach globaler Gerechtigkeit, globaler Ethik und der Balance zwischen Selbständigkeit und Gemeinschaft. Er ruft jeden auf, die eine Wahrheit in allen Religionen zu sehen, und sich dennoch der eigenen zu erfreuen. Der Universel ist ein Aufruf, alle zu achten, alle zu tolerieren, und allen Barmherzigkeit zu erweisen, in Ehrerbietung vor dem Göttlichen im Herzen der Menschheit.

Der Universel kann nun als ein Institut verkörpert werden, das dazu bestimmt ist, die zum Vorschein kommende Vision, die oben beschrieben wurde, zu fördern und zu vollenden. Das Institut wird eine Fakultät einrichten, um ein Curriculum zu entwerfen, das die folgenden Lehrfächer anspricht:

1. Erwachen des Bewußtseins durch Erwachen des Gewissens und ein auf den neuesten Stand gebrachtes Denken über Gott

2. Identifizieren der neu auftauchenden Paradigmen und Einladen kreativer Visionen durch Erforschen des komplexen Gebildes, das wir das Selbst nennen; Markieren von Unstimmigkeiten und Selbsttäuschungen und Arbeiten an diesen, damit neue Qualitäten und ein neues Selbstbild auftauchen können

3. Ergänzen von Psychotherapie mit Psychokreativität und spiritueller Beratung

4. Verfolgen des Ideals von Vorzüglichkeit anstelle von kommerziellem Gewinn

5. Schutz für den Planeten vor Mißbrauch durch Entwickeln eines Gefühls für Heiligkeit in unserer Verwandschaft mit Tieren, Pflanzen und dem Planeten selbst

6. Ermutigen von Konfliktlösung in zwischenmenschlichen Beziehungen, beruhend auf Vertrauen und Versöhnung divergierender Sichtweisen

7. Befreiung der Frauen auf der ganzen Welt von Schwächung, Benachteiligung, Diskriminierung, Belästigung und Mißbrauch; Vergabe von Chancen auf einer Basis der Gleichberechtigung mit Männern

8. Wiederaufbau der sozialen Strukturen, die heutzutage zusammenbrechen (Familie, Kunst, Formen, Regierung, Ethik), um Aufrichtigkeit und Freiheit mit Achtung und Fürsorge zu honorieren

9. Bloßstellung und angemessenes Handeln wo immer möglich gegen soziale Ungerechtigkeit (z.B. Mißhandlung von Gewissensgefangenen, Justizirrtümer, Untaten in der Medizin, ökonomische Ausbeutung, Vergiftung von Lebensmitteln und gewissenlose Gentechnologie)

10. Förderung neuer interaktiver Lehrmethoden, welche die Lernenden zu Eigeninitiative und Übernahme von Verantwortung ermutigen

11. Anwendung des aus neuen wissenschaftlichen Paradigmen gewonnenen Wissens auf unsere Selbstentdeckung

12. Förderung des Erwachens einer jeden Person jenseits der persönlichen Perspektive in eine kosmisch-transzendentale Sichtweise, des Erwachens der Menschheit zur Göttlichkeit des menschlichen Wesens

Zum Zwecke der Schaffung eines solchen Instituts wird ein Universel-Kollegium gebildet werden, das eine Struktur entwickeln und den Mechanismus schaffen wird, durch welche eine Fakultät zur Entwicklung des Curriculums ernannt werden soll. Das Kollegium wird sich aus Menschen aller Gesellschaftsbereiche zusammensetzen, die dem erleuchteten Funktionieren der Menschheit zu dienen gewidmet sind, da wir uns dahin bewegen, ein bewußtes Ganzes zu werden.

Der Universel wird für eine Angliederungsgemeinschaft sorgen, wo diejenigen, die von dieser neuen Vision inspiriert sind, mitfühlende Verbindung und Unterstützung finden können; eine Ausbildungsgemeinschaft, wo neue Vision erforscht, entwickelt und mitgeteilt werden kann; und eine Arbeitsgemeinschaft, wo Individuen und Gruppen ihre Arbeit teilen können, inspiriert von der neuen Vision in einer sich gegenseitig unterstützenden und für Entwicklung fruchtbaren Umgebung. Der Universel wird ein lebender Tempel sein, der die Schaffung neuer Ausdrucksweisen stimuliert und nährt, und der die heilige Suche unseres menschlichen Geistes ehrt, Gott zu kennen durch Kenntnis unserer selbst.

[aus: Heart & Wings, Summer-Fall 2000 - Übersetzung von Kaivan]

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